Business Process Model and Notation – BPMN 2.0 – ist der internationale Standard für Prozessmodellierung. In der Verwaltungsdigitalisierung hat er sich als bevorzugtes Werkzeug etabliert: Wenn Projektteams Abläufe dokumentieren, Abstimmungen vorbereiten oder Anforderungen an Online-Dienste strukturieren, entstehen BPMN-Diagramme. Doch wer die Methode kennt und wer regelmäßig in Behörden-Projekten arbeitet, begegnet einem wiederkehrenden Problem: Zwischen dem, was BPMN leisten soll, und dem, was in der behördlichen Wirklichkeit passiert, klafft eine Lücke.

Diese Lücke ist kein Methodenfehler. Sie entsteht aus strukturellen Eigenheiten der Verwaltung, die BPMN-Enthusiasten aus der Privatwirtschaft oft unterschätzen. Sie zu kennen und damit umzugehen, ist der Unterschied zwischen einer Prozessdokumentation, die im Schrank landet, und einer, die Projekte tatsächlich trägt.

Was BPMN leisten soll – und warum das in Verwaltungsprojekten zählt

BPMN schafft eine einheitliche Notation, mit der unterschiedliche Beteiligte – Fachabteilungen, IT-Dienstleister, Berater, Softwareentwickler – über denselben Prozess sprechen können, ohne aneinander vorbeizureden. Im Kontext von OZG-Projekten ist das besonders wertvoll: Wenn ein Online-Dienst entwickelt wird, müssen Verwaltungsrechtler, Prozessmodellierer und technische Umsetzer in einem Dokument gemeinsam denken. BPMN ist das Vehikel dafür.

Darüber hinaus ermöglicht BPMN die strukturierte Analyse von Optimierungspotenzialen. Wer einen analogen Verwaltungsablauf sauber modelliert, sieht auf einen Blick, wo Medienbrüche entstehen, wo Zuständigkeiten unklar sind und wo Wartezeiten entstehen, die sich digital vermeiden ließen. Das ist der erste Schritt zu einem Dienst, der nicht nur digital ist, sondern auch besser.

Drei Probleme, die in der Praxis immer wieder auftreten

1. Unterschiedliche BPMN-Lesefähigkeiten im selben Raum

In einem typischen Workshop zur Prozessmodellierung sitzen Sachbearbeiterinnen, Referatsleiter, IT-Koordinatoren und externe Berater. Ihre BPMN-Kenntnisse variieren erheblich: Einige denken in Swimlanes, Gateways und Ereignissen, andere lesen ein Diagramm wie einen Zeitungsartikel – linear, von links nach rechts, und fühlen sich beim ersten verzweigten Gateway verloren.

Die Konsequenz: Modelle, die für Fachfremde ohne Erklärung unverständlich sind, werden nicht kommentiert – sie werden nickend akzeptiert. Fehler in der fachlichen Logik bleiben unentdeckt, bis der Dienst in der Abnahme scheitert oder live geht und nicht funktioniert.

2. Ermessensspielräume lassen sich nicht wegmodellieren

Verwaltungshandeln ist in weiten Teilen Ermessenshandeln. Ein Sachbearbeiter prüft einen Antrag nicht nach einer Entscheidungsmatrix, sondern nach Erfahrung, Rechtskenntnissen und dem Einzelfall. BPMN – kombiniert mit DMN für Entscheidungslogiken – kann Entscheidungsregeln abbilden, aber nur soweit, wie diese Regeln explizit und vollständig beschreibbar sind.

In der Praxis stoßen Teams regelmäßig auf Situationen, in denen Fachexperten sagen: „Das kommt darauf an." Darauf an, was genau? Die Arbeit, diese impliziten Entscheidungslogiken explizit zu machen, ist mühsam und wird häufig unterschätzt. Sie ist aber unumgänglich – denn ein Digitalformular, das keine Antwort auf den Fall „Es kommt darauf an" hat, bricht ab oder trifft falsche Entscheidungen.

3. Föderale Prozessvielfalt macht Standardmodelle illusorisch

Wer ein BPMN-Modell für eine bundesweit nutzbare EfA-Leistung erstellt, modelliert genau genommen nicht einen Prozess, sondern den kleinsten gemeinsamen Nenner aus bis zu 16 unterschiedlichen Prozessvarianten. Jedes Bundesland kennt eigene Zuständigkeiten, eigene Fristen, manchmal eigene Formularfelder. Ein Modell, das alle Varianten ehrlich abbildet, wird schnell unüberschaubar. Ein Modell, das vereinfacht, läuft Gefahr, die Realität eines oder mehrerer Länder nicht mehr abzudecken.

Die Lösung ist keine methodische, sondern eine konzeptionelle: Ein Kernprozess wird gemeinsam modelliert, länderspezifische Varianten werden explizit dokumentiert und in separaten Abweichungsmodellen erfasst. Das erfordert mehr Aufwand – spart aber Nachverhandlungen in der Umsetzungsphase.

Wann BPMN in der Verwaltung wirklich funktioniert

BPMN entfaltet seinen vollen Wert, wenn drei Bedingungen erfüllt sind. Erstens: Die fachlichen Experten – Sachbearbeiterinnen, Juristen, Koordinatoren – werden aktiv in die Modellierung eingebunden, nicht nur als Reviewer am Ende. Zweitens: Es gibt eine Person im Team, die BPMN beherrscht und als Übersetzerin zwischen Fachsprache und Notation fungiert. Drittens: Das Modell ist kein Selbstzweck, sondern dient einem konkreten Folgeschritt – sei es die technische Anforderungsdokumentation, die FIM-Prozessbeschreibung oder die Grundlage für einen Workshop.

Fazit

BPMN ist das richtige Werkzeug für die Verwaltungsdigitalisierung. Aber es ist ein Werkzeug, das Kompetenz, Fingerspitzengefühl und realistische Erwartungen erfordert. Wer glaubt, mit BPMN Verwaltungsprozesse so zu modellieren wie einen Industrieprozess, wird an der Komplexität des Verwaltungshandelns scheitern. Wer BPMN dagegen als Kommunikationsmittel einsetzt – als Brücke zwischen Fachexperten und technischer Umsetzung – wird mit jedem Projekt besser darin, was das Fundament digitaler Dienste tatsächlich ist: ein gemeinsames Verständnis davon, wie ein Prozess funktioniert.

Arne Trunk

FIM-Methodenexperte · Consultant für Verwaltungsdigitalisierung

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